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Michèle Degen und Julia Schäfer
«Vo A nach B» Foliendruck auf Dibond Alu und Dibond / 2019 Strassenschilder sind dazu da, damit wir uns im Verkehr flüssig und sicher fortzubewegen können. Sie weisen auf Gefahren hin, regeln Geschwindigkeiten und klären die Gesetzeslage. Im Falle eines Unfalls beziehen sich Beteiligte auf eben diese gelernten Regeln des Verkehrs. Die Lesbarkeit der Schilder ist massgebend und diese müssen daher möglichst gut sichtbar platziert sein. Der Mensch entschlüsselt das jeweilige Zeichen und weiss dann automatisch, ob die Bremse oder das Gaspedal zu betätigen ist. Verkehrszeichen werden aufgestellt, damit jeder vom gleichen spricht. Nicht nur im Strassenverkehr, sondern auf allen Ebenen unseres Zusammenlebens gibt es sichtbare (Zeichen, Schilder) und unsichtbare Regelwerke (Verhaltenscodex, Respekt). Wenn wir Gesetze nicht befolgen, dann drohen uns Bussen und Bestrafung. Wie werden wir in Zukunft Maschinen bestrafen, wenn sie einen Fehler begehen? Wer haftet bei einem Verkehrsunfall, wenn keiner mehr selbst fährt? Experten sind sich sicher, dass Verkehrsplanung immer weniger national werden wird. Alle Verkehrsträger gemeinsam benötigen eine integrierte Planung, welche über Staatsgrenzen hinausgeht. Es müssen auch neue Systeme angedacht werden, um den wachsenden Datenmengen gerecht zu werden, welche die vernetzten Fahrzeuge, Bahnen und Ampeln benötigen. Das Auto wird uns wohl noch länger erhalten bleiben, wobei wir bald  mit Bordcomputern ersetzt werden. Das «autonome Auto» kann dank seinen Kameras die Verkehrszeichen und sogar Schilderkombinationen richtig interpretieren, erkennt Tempobegrenzungen und reagiert auf Situationen, ohne dass der Fahrer etwas tun muss. Was bedeutet dies für das physische Beschriften von Strassen? Werden die Strassen befreit von jeglicher Werbung, wie in den Fotografien von Josef Schulz? Er verwischt mit seinen Fotografien die Grenze zwischen dem realen und dem künstliche erzeugten Bild, indem er jegliche, im öffentlichen Raum vorzufindenden Informationen, bewusst weglässt. Wenn sich Wegleitung, Unterhaltung und Navigation automatisch abspielen, kann sich der Fahrer der Zukunft nur noch zurückzulehnen und entspannt in die Landschaft zu schauen? Auf den ersten Blick familiär, auf den zweiten fremd. Was erkennen wir trotz der Abstraktion oder dem Weglassen von Information sofort und was muss erst neu gelernt und konditioniert werden? Wie sehen die Beschriftungen der Zukunft aus? Wir nehmen die visuelle Sprache von Schildern sowie den physischen Ort, an dem diese platziert werden, zum Anlass, Regelwerke neu zu definieren und Irritationen in der Wahrnehmung aufzuzeigen. Sprache verbindet und separiert Menschen. Führt zusammen oder treibt auseinander. Verrät die Herkunft und ist zugleich Identität. Veränderungen in der Art, wie wir uns fortbewegen, wie wir Sprache gebrauchen und die Art und Weise, wie wir Dinge lernen. Wir wollen die Betrachter*in aus seinem gelernten Muster locken; wir wollen ihn irritieren, ablenken und auf neue Wege lenken durch Schrift und Bild. Ausgehend von dem Ort, wo unser Sprachverständnis ausgeht: dem Baselbiet. Unsere Schilder sind ein Ausblick, wie wir uns die Sprache im öffentlichen Raum vorstellen: begehbar, poetisch und zukunftsgewandt. Im Gegensatz zu den zeichenhaften Verkehrsschildern, wobei Verbindlichkeit sowie Erkennbarkeit verlangt werden, fordern unsere Abbildungen eine Entzifferung der gesprochenen Sprache, die kaum jemals international sichtbar sein wird. Die Betrachter*innen werden angeregt, die Wörter laut zu lesen und sich durch die lautmalerischen Begriffe mit dem Ort zu identifizieren. Oder sie lassen sich von der Stimme des Bordcomputers leiten. Die Entschleunigung des Alltags einer Spaziergängerin oder eines Autofahrers wird forciert. Eine poetische Momentaufnahme der gesprochenen Sprache in Form eines Gedichts trifft auf kosmopolitische Zeichen, die erst noch erlernt werden müssen. Unsere Vision der Zukunft ist eine, worin das gesprochene und geschriebene Wort sowie neue Zeichen sich vermehrt wieder im öffentlichen Raum bewegen dürfen; neben all dem Bestehendem. Sprache und Zeichen sollen uns weiterhin dabei helfen, einander besser zu verstehen; auch über die Grenzen hinaus. Unsere Fragen zu Migration und Integration sowie ein offener Diskurs können so angekurbelt werden. Wir sollen keine Angst vor dem uns Unbekannten und dem damit verbundenen Gefühl von Verlust haben. Die Sprache der Zukunft ist in unseren Augen geprägt von Diversität, die aus verwobenen Vergangenheiten das neue Morgen bildet und auch in der Sprache sichtbar wird. Für uns ist klar, dass Schilder der Zukunft mehr können als nur den Weg zu weisen. Michèle Degen und Julia Schäfer, 2018 Website: www.micheledegen.ch / E-Mail: hello@micheledegen.ch Website: www.juliaschaefer.ch / E-Mail: julia.laura.schaefer@gmail.com
Künstlerin Michèle Degen Künstlerin Julia Schäfer